SINFONIEKONZERT ORCHESTERVEREIN
ÖHRINGEN
Samstag, 6. Februar 2016, 19 Uhr
Kultura Öhringen

Programm

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767)
Konzert für Viola, Streichorchester und Basso continuo G-Dur
Largo, Allegro, Andante, Presto

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791)
Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550
Allegro molto, Andante, Menuetto-Allegretto, Allegro assai

Pause

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo E-Dur BWV 1042
Allegro, Adagio, Allegro assai

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791)
Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester
Es-Dur KV 364
Allegro maestoso, Andante, Presto

Solisten:
Anna Hösl, Viola
Ian Galli-Heckmann, Violine
Leitung:
Uwe Reinhardt

„Man sagt, wenn die Engel für Gott spielen, so spielen sie Bach, füreinander aber spielen sie Mozart.“ Zumindest was den heutigen Abend betrifft, verehrte Zuhörer, werden Sie sich entscheiden können, ob der britische Philosoph und Schriftsteller Isaiah Berlin mit seinem Bonmot Recht hatte!
Johann Sebastian Bach verehren wir als einen der bedeutendsten Musiker überhaupt. Doch zu seinen Lebzeiten kannte ihn nur ein relativ kleiner Kreis von Könnern, und seine Werke galten oft als zu schwer und zu kompliziert für die allgemeine Musizierpraxis – ganz im Gegensatz zur Musik von Georg Philipp Telemann, dem berühmten und geliebten Zeitgenossen, der als Komponist und Organisator das Musikleben von weiten Teilen Deutschlands bestimmte. Bachs Werke gerieten nach seinem Tod dann schnell in Vergessenheit und nur die großen Klassiker schärften an ihnen ihre eigene musikalische Präzision. Glücklicherweise boten 1829 Leipzigs Stadtväter Felix Mendelssohn-Bartholdy einen Anlass, die Matthäuspassion ihres ehemaligen Thomaskantors wiederaufzuführen. Das legendäre Konzert leitete eine Bach-Renaissance ein, die sein Werk fortan zum festen Repertoire der klassischen Musik machte.
Bachs Violinkonzert in E-Dur repräsentiert die Musizierhaltung des Meisters in besonderer Weise: sie ist festlich, lebendig, kunstvoll und volkstümlich auf kernige Art, nichts wirkt gekünstelt oder geziert. Das Formschema des großen Vorbilds Vivaldi, dessen Konzerte Bach in Weimar und Dresden kennenlernt, entwickelt er kühn und schöpferisch weiter. Statt einer Gegenüberstellung von weit ausgeführten Soli und Orchesterritornellen schafft er innige Verflechtungen von Solos und Orchestertutti und erreicht damit eine Ausdrucksfülle, die weit in die emotionalen Gefilde der Klassik hinüberreicht. Der langsame Mittelsatz gilt als einer der schönsten überhaupt: Elegisch bewegend, meisterhaft ausbalanciert steht er zwischen dem dynamischen Beginn und dem vitalen Ausklang des Konzerts.
Viel mehr als bei dem ernsten J.S. Bach, der seelisch konzentriert sich der Ehre Gottes verpflichtet fühlte, war Musik für Georg Philipp Telemann vor allem eine Gelegenheit zu geistreicher Unterhaltung. Unermüdlich schuf er Werk um Werk, sein Nachlass ist riesig und umfasst alle Musikgattungen. Typisch für ihn sind gesangliche, ohrwurmtaugliche Melodien, einfallsreiche Klangfarben und außergewöhnliche harmonische Wendungen. Telemann war nicht nur als lebenslustiger Künstler berühmt, sondern auch als Musikverleger und umtriebiger Konzertagent.
Sein Bratschenkonzert ist das Konzert für die Viola als Soloinstrument schlechthin. Wie kein anderes Stück bietet es unserer Solistin die Gelegenheit, alle musikalischen Besonderheiten ihres Instruments, die spieltechnischen Möglichkeiten, warme Sonorität und ungeahnte klangliche Raffinessen zu präsentieren – verpackt in eine wunderbare künstlerische Form.
Mozart komponierte die heiterste, schwebendste und graziöseste Musik der Welt, und er komponierte Musik tiefster Verzweiflung, unermesslichen Schmerzes, Musik voller Dunkelheiten, in denen die liebenswürdigen Töne unversehens melancholisch überschattet werden, in der sich inmitten scheinbar harmloser viertaktiger Episoden plötzlich verstörende Abgründe auftun. Musik, die ahnen und fühlen lässt, dass hier über die alltäglichen und über die letzten Dinge des Lebens und der Kunst in vollendeter, gültiger Form gesprochen wird.
Unter den drei großen abschließenden Sinfonien Mozarts aus dem Jahre 1791 nimmt die g-Moll-Sinfonie nicht zuletzt durch die düstere Molltonart eine Sonderstellung ein. Wie die beiden anderen entsteht sie ohne Absicht; ein Kompositionsanlass ist nicht bekannt. Ist sie deshalb, wie der Biograph Alfred Einstein meint, als Appell an die Ewigkeit gedacht? In Wahrheit geht es Mozart in dieser Sinfonie um kein Programm, weder um Fortschrittsglauben noch um ein „durch Nacht zum Licht“. Es werden keine weltbewegenden Themen behandelt, sondern höchst persönliche, es geht um die Auseinandersetzung des Individuums mit mächtigen, manchmal übermächtig wirkenden Kräften, es geht um die Auslotung menschlichen Erlebens ohne Pauken und Trompeten, aber mit hochgradiger Sensibilität und innerer Erregtheit. Es geht, wie Martin Gecks es treffend beschreibt, um eine Sachlichkeit der Selbstwahrnehmung, die ohne jeden larmoyanten oder ethischen Appell an die Hörer auskommt und die vom Sturm und Drang ebenso weit entfernt ist wie von den sinfonischen Ideenkunstwerken des 19. Jahrhunderts. Es geht darum, physisch und psychisch zu überleben, nicht durch gnadenlosen Kampf, sondern indem man sich arrangiert, damit man selbst und die Welt fortbestehen können. Es geht darum, Unterbewusstes auf die Ebene musikalischer Aktion zu heben, um es dadurch ästhetisch relevant und emotional spürbar zu machen.
Der Hauptsatz beginnt mit dem leise vorgetragenen, wohl bekanntesten Motiv der sinfonischen Literatur, einem zwölfmal wiederholten Bitten, dem grelle unerbittliche Akkorde entgegengeschleudert werden. Ein Tamino-Zitat aus der Zauberflöte bestimmt weite Teile der Gefühlswelt des zweiten Satzes: „Ich fühl es, ich fühl es, wie dies Götterbild (Pamina!) mein Herz mit neuer Hoffnung füllt.“ Der dritte Satz ist kein Menuett herkömmlicher Prägung. Die chromatisch geschärften Bläserdurchgänge, die unerhörten Dissonanzen und wahnwitzigen Modulationen des vierten bieten keine Lösung, sondern Resignation, aber auch Gesten der Weisheit und Versöhnung.
Die Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht, sie sind sehr brillant, angenehm in den Ohren. Natürlich ohne in das Leere zu fallen, hie und da können auch Kenner allein satisfaction erhalten – doch so – dass Nichtkenner damit zufrieden sein müssen, ohne zu wissen warum, schreibt Mozart aus Wien an seinen Vater. Gemeint sind zwar die Klavierkonzerte, die zwischen 1782 und 1786 Mozart als Komponisten, Solisten und Dirigenten des Orchesters in Personalunion zum unangefochtenen Star des Wiener Konzertlebens machen. Die Gästeliste seiner Konzerte ist das Who’s Who des Wiener Adels, es sind die der Reichen und Schönen, begeisterte Kollegen und neidische Konkurrenten, es sind seine internationalen Fans, Kenner und Könner, denen beschieden ist, solche Sternstunden der Menschheit mitzuerleben: am 17., 24. und 31. März 1784 jeweils ein neues Konzert by Wolfgang A. Mozart! Doch wir könnten den Inhalt des Briefes getrost auch auf die anderen Instrumentalkonzerte Mozarts beziehen, die wirkungsvollsten, gedankenreichsten Höhepunkte seines Schaffens.
Die Idee einer Concertanten Sinfonie hatte Mozart in Mannheim und Paris aufgegriffen, wo dieses Genre zwischen Konzert und Sinfonie gerade in Mode war. Zwei oder mehr Soloinstrumente stehen im lebhaften Dialog mit dem Orchester aber auch untereinander. Nach mehreren Anläufen vollendet Mozart die heute erklingende in Es-Dur 1779 in Salzburg kurz vor dem endgültigen Zerwürfnis mit dem Erzherzog und dem berühmten Fußtritt des Grafen Arco. Wunderbar verwobene Solostimmen entfalten sich auf dezent geführten Orchesterstreichern, fast hätte man es gar nicht wahrgenommen, dass die Solisten sich schon mit leisen Trillern in das Geschehen eingeklinkt haben, animierte Holzbläser kommentieren schwärmerisch schöne Kantilenen. Mit der feierlichen Würde des prächtigen Es-Dur Hauptthemas, dem langsamen Satz, der wie eine tragische Opernszene Glucks anmutet, und dem schwungvoll-spritzigen Finale bildet die Sinfonia concertante den Gipfelpunkt aller bis dahin entstandenen Konzerte.

 
Anna Hösl, Viola
In Pegnitz geboren erhielt Anna Hösl ihren ersten Geigenunterricht im Alter von sechs Jahren. In den darauffolgenden Jahren folgten mehrere Preise bei „Jugend musiziert“. Nach dem Abitur am Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium in Bayreuth studierte sie zuerst Violine an der Kunstuniversität in Graz bei Prof. Anke Schittenhelm, bevor sie zur Viola wechselte. Von 2012 bis 2014 studierte sie bei Fabio Marano an der Hochschule für Musik in Karlsruhe, wo sie ihren Bachelorabschluss absolvierte. 2014 wurde sie in die Konzertfachklasse von Prof. Thomas Selditz an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien aufgenommen. Sie wirkte in zahlreichen Orchesterprojekten mit, u.a. im Festspielhaus Baden Baden mit dem Nederlands Dans Theater, beim Festival junger Künstler Bayreuth, im Jungen Tonkünstlerorchester, Young Generation Orchester, dem Norddeutschen Symphonieorchester und war stellvertretende Stimmführerin im Webern Symphonie Orchester Wien. Mit dem 2012 gegründeten Streichtrio Arcata konzertiert sie im Rahmen der Yehudi Menuhin Stiftung „Live Music Now“. Konzertreisen und Orchestertourneen führten sie in den Libanon, die Ukraine und nach China.

Ian Galli-Heckmann, Violine
Ian Galli-Heckmann erhielt seinen ersten Violinunterricht nach der Suzukimethode in seiner Heimatstadt Paris. Im Alter von 6 Jahren wurde er von dem russischen Solisten Joseph Rissin entdeckt und zu seinem Pariser Kollegen Nejmi Succari empfohlen. Unter seiner Leitung errang er schon sehr früh Erfolge in nationalen und internationalen Wettbewerben. Nach seinem Abitur, das er an der Purcell School of Music London absolvierte, studierte er als Foundation Scholar am Royal College of Music in London unter Yossi Zivoni und Ani Schnach, später an der Hochschule für Musik Karlsruhe bei L. Breuninger. Derzeit schliesst er sein Masterstudium an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig unter Kathrin Ten Hagen ab. Konzertreisen führten ihn nach Frankreich, England, Polen, Italien, nach Lichtenstein und in die Schweiz.

Uwe Reinhardt
leitet den Orchesterverein Öhringen seit 2010. Prof. Dr. med. Dr. phil. U. Reinhardt ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin des Hohenloher Krankenhauses mit den Spezialgebieten Hämatologie, Onkologie und Gastroenterologie. Parallel zum Medizinstu-dium studierte er an der Dresdner Musikhochschule Orchesterdirigieren und Klavier und ist seit seinem Staatsexamen und künstlerischem Diplom als Orchesterleiter, Gastdirigent, Pianist und Komponist vielfältig musikalisch aktiv. Die intensive Beschäftigung mit berufsbedingten Erkrankungen von Musikern führte ihn zur Gründung eines Instituts für Musikmedizin an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden. Seit 2012 unterrichtet er als Gastprofessor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.